Ein Wort zum Kick: Relegation als Provokation

  • Posted on: 1 June 2015
  • By: BBS_Denis

Tragisch, dass die überaus erfreuliche Saison 2014 / 15 so bitter enden musste. Der OFC, überragender Meister der Regionalliga Süd-West, scheiterte nicht nur am spielerisch klar überlegenen Aufsteiger, dem 1. FC Magdeburg, sondern auch an der eigenen Leidensfähigkeit. Einer Gruppe von geschätzt 40 OFC-bezogenen Stadionbesuchern platzte in Spielminute 84 offensichtlich der Kragen. Sie stürmten unbesonnen das Feld; vernichteten damit zwei Jahre Imagepflege und ein Jahr Mannschafts-Würde, nur wenige Minuten vor deren Abgang in die Sommerpause.

Selbstverständlich ist eine solche Aktion völlig unvertretbar, ja geradezu idiotisch. Ein Spielabbruch, wie er scheinbar provoziert werden sollte, hätte gar nichts eingebracht. Ganz ehrlich, diese beiden Kontrahenten hätten fünf mal gegeneinander spielen können und es wäre wohl immer ähnlich ausgegangen. Im direkten Vergleich war Magdeburg einfach besser. Es tut weh, das zuzugeben. Es tut noch mehr weh, wegen diesem direkten Vergleich, der die Stärke aller Meister mitnichten nachvollziehbar auslotet, vom Profifußball ferngehalten zu werden.

Über den Sinn und Unsinn der Relegationsspiele haben sich andere Leute schon zu genüge geäußert. Leute, die viel mehr Ahnung von der Materie haben als ich, und vor allem mehr Stimme, damit sie gehört werden können. Wenn aber eines klar wird, dann dass die Emotionen, die bei solchen Spielen zutage kommen, absolut gewollt sind. Es ist eben jene Ungerechtigkeit in der Regelung, die dem Verbund, den Sponsoren, den Sendern wie auch den Vereinen am meisten Zuschauer einbringen. Sowohl in Magdeburg als auch in Offenbach wurde in vollen Häusern angestoßen, bei beiden Begegnungen saßen Unmengen Fußball-Interessierte vor den Fernsehern. Und so ein Skandälchen zum Schluss macht doch den Braten erst richtig saftig. Jetzt kann Hinz und Kunz über den OFC herziehen, weil einige Leute in Offenbach nicht die Nerven behalten konnten. Dazu zähle ich übrigens auch alle, die ihre Fahnen aufs Spielfeld warfen, das angesichts der Bewährungs-.Auflagen genauso unnötig war wie der Mini-Platzsturm.

Trotz aller Kritik an jener Unbesonnenheit möchte ich aber auch eine kleine Lanze für die Übeltäter brechen. Denn mal im ernst: Was war denn anderes zu erwarten? Waren die Emotionen nicht auf beiden seiten völlig über die Schmerzgrenze erhitzt? Einige Magdeburger gingen bereits am vorherigen Mittwoch in hasserfüllten Emotionen auf, obwohl sie das Hinspiel gewannen. Unzählige Berichte von zerstörten Autos, Gewalt gegen OFC-Fans und allgemeiner Randale waren zu vernehmen, und ich wurde selbst Zeuge von Ausschreitungen - nur eben nach dem Spiel, abseits der Kamera. Das legitimiert natürlich keine Gegenaktion, aber der Kern meiner Aussage bleibt gültig: Diese Emotionen sind gewollt und kommen zwangsläufig zustande.

In der vierten Liga trennt sich der Spreu vom Weizen. Wer hier die ganze Saison über dranbleibt, investiert nicht nur Zeit, sondern oft auch viel Geld in seinen Lieblingsverein. Das sind eben die harten Fans. Es wäre völlig ignorant zu erwarten, das die treuesten Träger des Vereins die Negierung eines ganzen Jahrs voller Hingabe einfach so hinnehmen. Bei aller Liebe zum Sport und allem Sinn für guten Anstand - es wäre naiv zu glauben dass da niemandem die Hutschnur platzt. Jeder geht anders mit solchen Enttäuschungen um, und es ist sicherlich schade, dass wir nicht in der perfekten Welt leben, in der jeder seine Emotionen im Griff und seine Sportlichkeit auf den Leib geschneidert hat. Gerade beim Verlierer der Relegation sind Ausschreitungen fast schon vorprogrammiert. Keiner kann mir erzählen, der DFB erwarte eben jene perfekte Welt der harmonischen Fanszene - wie naiv müsste man nach über 100 Jahren Fußballkultur sein, um das zu erwarten?.Erwartet man da wirklich die hoch-intellektuelle Fan-Zunft? Mind-over -Matter-Fans? Rein logisch handelnde Klone von Mister Spock?

Nein, ich kann und will den Platzsturm noch immer nicht gut heißen, erst recht nicht , weil er sinnlos aus dem Bauch heraus gestartet wurde, von Leuten, die offensichtlich mehr Lust auf Randale hatten, als auf eine Finte im Fußball. Aber die einzige Möglichkeit, solche unschönen Ereignisse völlig zu verhindern, wäre ein Ausschluss eben dieser Ziegruppe. Mal im ernst: Wer soll beim Einlass aussieben, wer ein Randale-Kind ist, und wer nicht? Und noch wichtiger ist die Frage: Warum sollten wir uns darüber den Kopf zerbrechen, wenn die Relegation doch nichts anderes als dieses Ziel verfolgt? Das hochkochen der Emotionen ist doch das einzige Ziel der ganzen Veranstaltung, denn wenn es um ein gerechtes Verfahren ginge, wären andere Lösungen adäquater.

Es gab für Relegationen mal Aufstiegsspiele im Ligen--System. Laut meinem Vater hingen damals schon alle am Fernseher, weil sie ähnlich viel Spannung entfachten. Ein solches Ligen-Auswahlverfahren würde den geballten Frust erheblich mildern und viel deutlicher klären, welche Vereine den Aufstieg verdient haben. Es ist für Mannschaft und Fans nun mal viel leichter, den Nicht-Aufstieg zu akzeptieren, wenn man ein handfestes Bild der Kräfteverhältnisse hat. Das derzeit angewendete Reglement erhebt Losglück zum Kriterium für Drittliga-Tauglichkeit.. Seit wann ist Profisport eine Lotterie? Zumal der Zweitplatzierte bei uns ebenfalls in den Lostopf fällt und der Ungerechtigkeit erst die Krone aufsetzt. Da kann man nicht nur eigenes Pech haben, sondern durch fremdes Glück gleich doppelt verlieren. Und das alles nicht gewollt sein? Das soll man nach einem Jahr Höchsteinsatz im Verein oder als knallharter Viertliga-Fan einfach so hinnehmen, weil man ja so sportlich eingestellt ist? Bei allem Respekt, dies zu ertragen verlangt gar keine Sportlichkeit. Die derzeit gültige Regelung ohne Kurzschluss im Oberstübchen hinzunehmen, verlangt die Selbstbeherrschung eines Buddhistischen Mönchs .Wie ich schon sagte: jeder Mensch geht anders mit dieser Frustration um. Und dafür leidet dann ein ganzer Verein.

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